Brief eines Freundes

 

Ich bin nun Teil Deines Lebens.

 

Ich bin so heimtückisch – ich zeige mich nicht immer in Deinen Blutwerten.

Die Menschen um Dich herum können mich nicht sehen oder hören, aber DEIN Körper kann mich fühlen.

Ich kann Dich überall angreifen und zwar so wie es mir gerade gefällt.

 

Ich kann Schmerzen hervorrufen und wenn ich gerade gut gelaunt bin – sorge ich dafür, dass Dir alles weh tut.

Erinnerst Du Dich noch daran als Du voller Energie durchs Leben gegangen bist und Spaß hattest???

Tja, diese Energie habe ich Dir genommen und Dir dafür Erschöpfung gegeben. So, jetzt versuch mal Spaß zu haben!!!

Ich raube Dir den Schlaf und gebe Dir dafür ein vernebeltes Gehirn und Konzentrationsmangel.

Ich kann dafür sorgen, dass Du 7 Tage die Woche 24 Stunden lang schlafen möchtest, oder ich verursache Schlaflosigkeit.

Ich lass Dich innerlich zittern, sorge dafür dass es Dir zu kalt oder zu heiß ist, wenn alle anderen das nicht fühlen.

 

Ich lasse Deine Hände und Füße anschwellen, Deine Augenlider, einfach alles.

Ich löse Angstzustände und Depressionen ja sogar Agressionen aus oder andere mentale Probleme.

Für mich gibt es kein Limit.

Wegen mir nimmst Du zu, egal was Du isst oder wie oft Du trainierst. Dank mir wird das Gewicht bleiben.

Manchmal begleiten mich meine Freunde, die anderen Autoimmunerkrankungen, zu Dir, so dass Du Dich noch mehr plagen musst.

Wenn Du etwas geplant hast oder Dich auf einen tollen Tag freust, kann ich Dir einen Strich durch die Rechnung machen.

Du hast mich nicht darum gebeten zu dir zu kommen. Ich habe Dich aus verschiedenen Gründen

ausgewählt:

Den Virus oder die Viruserkrankungen, die Du hattest und von denen Du Dich nie richtig erholt hast, oder Schicksalsschläge (Stress und Ängste- mag ich besonders gern). Vielleicht bin ich schon länger in Deiner Familie zu finden. Was auch immer der Grund ist,  ICH bin hier und ICH werde bleiben.

Du gehst zum Arzt, um mich los zu werden??????? Dass ich nicht lache. Versuch es. Du wirst zu vielen vielen Ärzten gehen müssen, bis Du überhaupt einen findest, der MICH findet ........und der

sich mit MIR auskennt.

Man wird Dir die falschen Medikamente verschreiben, Schmerzmittel, Schlafmittel, Aufputschmittel. Wenn Du ihnen sagst, dass Du Schmerzen ,Ängste und Depressionen hast, bekommst Du Antidepressiva.

Es gibt so viele Wege für mich, damit Du Dich krank und elend fühlst.

Missempfindungen und Wahrnehmungsstörungen wie Kribbeln, brennen, kalte oder heiße Füße oder Hände, Schmerzen, Schwellungen und Schwellungsgefühle. Deine Gangunsicherheit, die Ermüdbarkeit der Beine sowie Gleichgewichtsstörungen, Muskelschwäche und Muskelschwund, ja

sogar Bandscheibenvorfälle. Das bin wahrscheinlich ich.

Störungen oder Ausfälle der Muskeln, Ausfallerscheinungen an Händen und Füßen, erhebliche Sehstörungen ….manchmal fällt dir alles aus der Hand, du spürst den Boden unter den Füßen nicht,

das bin ich wahrscheinlich auch!

Leberenzyme zu hoch? Ja, wahrscheinlich auch ich.

Ich sagte Dir, die Liste ist endlos, bei den über 300 verschiedenen Möglichkeiten aus denen ich mit vollen Händen schöpfen kann.

Du bekommst Massagen und man sagt Dir, wenn Du nur ausreichend schläfst und Sport machst, wird es schon weggehen.

Man wird Dir sagen, Du sollst positiv denken, Du wirst beim Blut abnehmen gepiekst und gestochen aber VOR ALLEM, wirst Du NICHT ernst genommen, wenn Du versuchst einer Unzahl von Ärzten zu erzählen, wie schwächend ICH bin und wie ausgebrannt Du Dich fühlst.

Wahrscheinlich wirst Du von diesen (ahnungslosen) Ärzten wieder und wieder hören, Du solltest einen Psychiater konsultieren.

Deine Familie, Freunde und Arbeitskollegen werden Dir zuhören, bis sie nicht mehr hören können, was ich bei Dir anrichte und wie sehr ich Dich schwäche.

Einige werden sagen „Ach, Du hast nur einen schlechten Tag”

Sie sagen Dinge wie, “wenn Du nur aufstehst, Dich bewegst, raus gehst und etwas unternimmst, wird es Dir besser gehen”. Sie werden nicht verstehen, dass ICH Dir den Motor nehme, der Deinen Körper antreibt und dafür sorge, dass Du genau das NICHT kannst.

Manche werden anfangen hinter Deinem Rücken zu reden, sie nennen Dich Hypochonder, während Du langsam Deine Würde verlierst und versuchst es ihnen begreiflich zu machen. Vor allem wenn

Du mitten in einem Gespräch mit einem “normalen” Menschen bist und auf einmal nicht mehr weißt, was Du sagen wolltest. Dann wirst Du Dinge hören wie „Oh, meine Großmutter hatte das

auch und ihr geht es gut mit ihren Medikamenten” und Du versuchst verzweifelt zu erklären, dass ich mich bei jeder betroffenen Person anders zeige. Und nur weil das Medikament bei dieser

Großmutter hilft, heißt es noch lange nicht, dass es Dir auch helfen wird.

Sie werden nicht verstehen, dass diese Krankheit Deinen Körper vom Scheitel bis zur Sohle beeinträchtigt und dass jede Deiner Zellen und Dein Körper und jedes Deiner Organe die richtige Dosis, viel ZEIT und das richtige Medikament brauchen.

Aber auch dann werde ich bleiben!!

Nur andere Menschen, die mich in sich tragen, werden mit dir mitfühlen und dich unterstützen. Sie sind die einzigen, die Dich wirklich verstehen können.

 

Mein Name,  mein Freund !

Polyneurophatie



Aus dem Tagebuch eines Betroffenen:

Polyneuropathie - Alles geht, nur anders    (Facebook-link- Seitenempfehlung)

 

Heute ging ein Brief raus. Ich musste einfach der PNP meine Meinung geigen.

" Hinterhältige Poly,

du hast dich in meinen Körper geschlichen ohne mich zu fragen, ob es mir recht ist. Miete zahlst du auch nicht.

Wie eine lästige Fliege im Haus schwirrst du hier rum und treibst dein Unwesen.Razzien durch Ärzte bist du meist erfolgreich aus den Weg gegangen. Du versuchst mir meine Kraft zu rauben, mir Missempfindungen zu bereiten. Mir den Schlaf zu rauben oder mich 24 Std. zu ermüden. Manchmal schaffst du das auch. Auch versuchst du mir den Spaß am Leben zu nehmen, was dir an einigen Tagen gelingt. Aber die meiste Zeit sitzt du in deinem dunklen Kämmerchen, in den du dich selber eingesperrt hast. Abgeschottet von den Schönheiten und dem Glück des Lebens.

Du weißt nicht, wie es ist im Frühjahr, wenn die Natur zu neuem Leben erwacht. Du siehst nie das erste Grün der Bäume, hörst nie das erste Zwitschern der Vögel.

Im Sommer kannst du nie das saftige Grün der Wiesen sehen, die Wärme der Sonne auf dir spüren oder das Zirpen der Grillen an lauen Sommerabenden hören.

Den Herbst mit seinen bunten Farben, den raschelnden Laub, den würzigen Geruch wirst du nie so erleben wie ich.

Im Winter laufe ich durch den tiefen Schnee, du leider nicht. Du wirst nie dem prasselnden, wärmenden Feuer im Kamin zuschauen können.

All das erlebe ich, auch wenn du versuchst mir das Leben schwer zu machen.

Du bist im Grunde ein armer Wicht, der zu bedauern ist. Keiner mag dich, keiner will dein Freund sein. Ich aber habe Freunde, sogar Familie, die mich auffangen, wenn du in deiner Wut über all meiner Freude, mich zu quälen versuchst.

Du zeigst Grenzen auf, das ist richtig. Nur vergisst du, dass es viele Wege gibt die mich ans Ziel bringen und dafür nehme ich gern Umwege in Kauf.

Du zwingst mich nicht in die Knie, auch wenn du glaubst die Nr.1 in meinem Leben zu sein. Ich muss dich enttäuschen, das bist du nicht.

Also verbarrikadier dich ruhig weiter in deinem Kämmerchen.



Kommentare: 3
  • #3

    Elisabeth Steinberg (Donnerstag, 03 Oktober 2019 01:57)

    Das ist genau der Artikel, den mein Bruder braucht, um sich wirklich gar nicht mehr bewegen zu müssen.
    Hut ab �

  • #2

    Gerti (Mittwoch, 03 Juli 2019 14:38)

    Ich finde alles genau auf den Punkt gebracht.
    Toll!!!!
    Ich würde mich sehr gerne mit Jemanden über diese Krankheit unterhalten, der ebenfalls Polyneuropathie hat...

  • #1

    hannes kolb (Sonntag, 12 Mai 2019 09:38)

    wooooow. genial und treffend geschrieben, ich red mit keinem weils nix bring